Hallo,
im Prinzip finde ich, dass Telemedizin eine gute Erfindung und in vielen Fällen sehr sinnvoll ist. Sie sollte aber keinesfalls die herkömmliche Medizin vollständig ersetzen, sondern sie ergänzen - dort, wo es wirklich Vorteile für den Patienten bringt. Auch wird viel Heiße Luft um den Begriff herum gemacht.
Schauen wir uns z.B. den oben genannten Artikel genauer an:
Zitat:
Arzt und Patient stehen bei der Telemedizin über so genannte Telemonitoring-Systeme fortwährend miteinander in Verbindung, ohne dass ein Termin vorort nötig ist. Die Patienten werden zu diesem Zweck mit Geräten zur Messung ihrer Vitaldaten ausgestattet. Medizinische Sensoren am Körper eines Herzkranken erfassen zum Beispiel rund um die Uhr Herzschlag- und Blutdruckwerte. Kommt es zu auffälligen Veränderungen, informiert das mobile Messgerät etwa über das Mobilfunknetz automatisch umgehend ein telemedizinisches Zentrum, den Hausarzt oder das Krankenhaus – ein schnelles Verfahren, das Leben retten kann.
Eine Super-Idee könnte man meinen. Aber Vorsicht: Mobilfunk ist unzuverlässig! Wenn Herzinfarktgefahr wirklich sehr hoch ist (und andere Leute werden wohl nicht solche Geräte rund um die Uhr am Körper tragen), sollte man auf den herkömmlichen Notrufknopf nicht verzichten! Auch sollte man bei konkreten Beschwerden auf einen Arztbesuch nicht verzichten: die Sensoren sehen nicht alles, was ein guter Arzt sieht!
Zitat:
Teleradiologie: Über die Teleradiologie können Bilder von Röntgen, CT, Ultraschall, MRT u.a. an andere Spezialisten übermittelt werden, sodass der Patient seine Unterlagen nicht mehr selbstständig mit sich führen muss und Doppeldiagnosen entfallen.
Das ist im Prinzip nichts neues. Bereits heute bestehen Möglichkeiten dazu. Fast jede Praxis hat einen Internetanschluss. Warum ein Patient heute noch seine Unterlagen selbst schleppen muss, kann man nur durch Ignoranz erklären.
Zitat:
Telepathologie: Bei Operationen ist es häufig wichtig, schnell festzustellen, ob ein Gewebe bösartig oder gutartig ist. Steht in dem entsprechenden Krankenhaus kein Pathologe zur Verfügung, so kann die Gewebeprobe in ein ferngesteuertes Mikroskop eingelegt werden. Ein Pathologe eines anderen Krankenhauses beziehungsweise Labors kann die Untersuchung durchführen und das Ergebnis schnell übermitteln.
Auch nichts neues. Kaum eine Praxis macht die Gewebeprobenanalyse selbständig, nur Krankenhäuser haben eigenes Labor. Warum die Ergebnisse heute immer noch per Post übermittelt werden und nicht per Internet, kann man auch nur durch Ignoranz erklären. Schwieriger ist es mit dem Verschicken der Gewebeproben. Die Idee mit dem ferngesteuerten Mikroskop finde ich etwas utopisch. Das ist bestimmt nicht billig, und man braucht Personal, dass so ein Gerät richtig bedienen kann.
Zitat:
Teledermatologie, Teleophthalmologie: Ähnlich wie in der Telepathologie können hier Bilder vom Auge an andere Spezialisten übermittelt werden, um etwa eine unklare Diagnose bestätigen zu lassen Meinungen auszutauschen.
Gute Idee, aber wieder nichts bahnbrechendes. Bereits heute stehen die Möglichkeiten zur Verfügung. Aber wird das gemacht? Kaum. Es ist also kein technisches, sondern ein gesellschaftliches Problem.
Zitat:
Telechirurgie: Es ist möglich, dass mittels eines ferngesteuerten Operationsroboters Operationen von einem Chirurgen von einem entfernt gelegenen Ort durchgeführt werden.
Da bin ich etwas skeptisch. Ich glaube, das wird in vorhersehbarer Zukunft eine seltene Ausnahme bleiben. Eigentlich lässt diese Technologie bei jeder technikbegeisterten Person wie mich das Herz höher schlagen, aber wenn man nüchtern darüber nachdenkt, kommt man zur Schlüßfolgerung, dass Telechirurgie selten wirklich sinnvoll sein dürfte. Man sollte das Risiko nicht vergessen, dass die das Gerät oder die Verbindungsleitung während der Operation ausfallen kann. Und dieses Risiko sollte man auf jeden Fall vermeiden. Deshalb ist Telechirurgie nur dann sinnvoll, wenn man den Patienten zum Arzt (bzw. den Arzt zum Patienten) nicht oder nur schwer transportieren kann. Das Transportrisiko sollte also höher sein als Ausfallrisiko während der Operation. Das kann z.B. in einem Kriegsgebiet sein, auf einer fernen Insel oder irgendwo mitten in der Wüste. Zumindest in Europa sind es Situationen, die sehr selten vorkommen. Deswegen glaube ich, dass normale Operation die Regel bleibt.